Einführung

Einen Moment unachtsam, eine kleine Ablenkung und schon ist es passiert. Auffahrunfälle geschehen schnell, insbesondere in hektischen Situationen oder wenn man unter Termindruck steht. 2019 gab es in Deutschland 2,4 Millionen Unfälle mit Sachschäden (Quelle), viele davon durch das Auffahren eines Autos auf ein Anderes.

Wenn es um die Beurteilung und die Schuldfrage geht, ist schnell vom sogenannten Anscheinsbeweis die Rede. Doch was genau bedeutet der Anscheinsbeweis und bedeutet das immer die Schuld des Auffahrenden?

Im Folgenden wird geklärt, wie die Beweislage bei einem Auffahrunfall juristisch beurteilt wird und welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen.

Auffahrunfall - Wer auffährt, ist immer schuld? - Strafverteidiger | Rechtsanwalt Steinhauer aus Trier

Bildquelle: shilin wang auf Pixabay

Stand: 22.09.2020

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Der Anscheinsbeweis beim Auffahrunfall

Der Anscheinsbeweis, auch Beweis des ersten Anscheins (lat. prima facie) genannt. Dieser regelt, dass bei einem typischen Ereignis nach der Erfahrung auf einen bestimmten zugrundeliegenden Ablauf geschlossen werden darf. Es handelt sich um einen erleichterten Beweis, der zum Tragen kommt, wenn der genaue Unfallhergang nicht geklärt werden kann.

Bei einem Auffahrunfall ist die typische Annahme, dass der Hintermann nicht rechtzeitig gebremst hat oder den Mindestabstand nicht einhielt und dadurch dem Vordermann aufgefahren ist.

Der Anscheinsbeweis hat keine gesetzliche Grundlage. Es handelt sich um Gewohnheitsrecht. Im Verkehrsrecht, in der oftmals eine schwierige Beweislage herrscht, wird diese unter bestimmten Voraussetzungen von der Lebenserfahrung abhängig gemacht.

Der BGH sieht den Anscheinsbeweis jedoch nicht bei jedem Unfall dieser Art als zulässig an. Er mahnt, bei der Anwendung des Anscheinsbeweis zurückhaltend vorzugehen (Quelle).

Wer Auffährt ist also immer schuld?

Nein, auch der Vorausfahrende kann an einem Auffahrunfall schuld sein. Wer vorausfährt und unerwartet und grundlos abbremst, der kann dafür ebenso haftbar gemacht werden. Jedoch besteht dann meist nur eine Teilschuld, da bei ausreichendem Sicherheitsabstand und angemessener Geschwindigkeit ein Unfall in den meisten Fällen dennoch zu vermeiden gewesen wäre.

Beispiele für Fälle, in denen der Vordermann eine Mitschuld trägt:

  • Vollbremsung wegen kleiner Tiere

    Wer wegen eines Igels, einer Taube, eines Eichhörnchen oder anderen kleinen Tieren eine Vollbremsung hinlegt, bekommt bei einem Auffahrunfall regelmäßig eine Teilschuld zugesprochen.

  • Auffahren auf ein unbeleuchtetes Fahrzeug bei Dunkelheit

    Ein Fahrzeug, das ohne Beleuchtung an einer unübersichtlichen Stelle steht, kann ein unvorhergesehenes Hindernis darstellen.

  • Starke Bremsung vor einem Blitzer

    Wer zu spät einen Blitzer entdeckt und sein Fahrzeug noch rechtzeitig in die richtige Geschwindigkeit bringen möchte, kann Mitschuld an einem Auffahrunfall sein. Dies stellt eine irreführende Fahrweise dar, mit der die anderen Verkehrsteilnehmer nicht rechnen müssen.

  • Vollbremsung vor einer grünen Ampel

    Wenn der Vorausfahrende ohne erkennbaren Grund vor einer grünen Ampel abbremst, trägt dieser an dem entstehenden Verkehrsunfall meist eine Teilschuld.

Fazit

Wer auffährt, hat nicht immer Schuld, jedoch in den meisten Fällen. Fast immer trägt er zumindest eine Teilschuld, da erwartet wird, dass der Nachfahrende bei ausreichendem Sicherheitsabstand und angemessener Geschwindigkeit auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren kann.

Wenn Sie wegen eines Auffahrunfalls in Haftung genommen werden, sollten Sie sich in jedem Fall an einen Rechtsanwalt wenden um zu überprüfen, ob der Anscheinsbeweis in ihrem Fall greift oder ob man Diesen erfolgreich erschüttern kann.

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